Was macht exzellente Forschung aus?
Im Rahmen der aktuellen Ausgabe stellen Professorinnen und Professoren nicht nur ihr Forschungsgebiet vor, sondern sprechen auch darüber, was exzellente Forschung ausmacht und was diese letztlich für einen Nutzen hat.
Prof. Dr. Andrea Schenker-Wicki ist seit 2001 ordentliche Professorin für Betriebswirtschaftslehre an der WWF. Sie ist zudem Direktorin des Executive MBA und ihr Wissen teilt sie in Veranstaltungen wie Performancemanagement oder Systemanalyse.
Was erforschen Sie und weshalb?
Am Lehrstuhl für Performance Management untersuchen wir Leistungs- und Einflussgrössen, die zur Effizienz- und Effektivitätssteigerung von privatwirtschaftlichen und öffentlichen Organisationen beitragen sowie in komplexen Systemen wichtige Steuerungsparameter darstellen. Unsere Forschung ist dabei sehr interdisziplinär, und wir verwenden unterschiedliche Methoden und Analysetools aus der Ökonometrie oder aus dem Operations Research.
Ein Thema, das mir aufgrund meines beruflichen Werdegangs sehr am Herzen liegt, ist das Thema Hochschulen. Die Systemtheorie ist ein zweites Thema, das mich bereits seit meiner Ausbildung an der ETH fasziniert. Schliesslich beschäftigen wir uns auch mit Studien über interkulturelles Management, mit einem besonderen Augenmerk auf die aufstrebenden asiatischen Staaten.
Es ist mir sehr wichtig, in der Forschung eine breite Sicht zu haben und den gesellschaftlichen, respektive den Praxisbezug nicht aus den Augen zu verlieren.
Was sind Schlüsselfaktoren für exzellente Forschung?
Ganz generell ist der gegenseitige Austausch von zentraler Bedeutung. Ich würde deshalb die nationale und internationale Vernetzung mit führenden Wissenschaftlern als eine der wichtigsten Voraussetzungen für exzellente Forschung nennen. Die Zusammenarbeit mit unterschiedlichen Experten, sozusagen den Peers in den jeweiligen Forschungsfeldern, ermöglicht erst einen fruchtbaren wissenschaftlichen Diskurs. Denn Exzellenz entsteht nicht von alleine, sondern setzt stetes Lernen und kompetente Feedbacks voraus. Nicht zuletzt brauchen wir für exzellente Forschung natürlich auch genügend Ressourcen. Damit meine ich nicht nur finanzielle Ressourcen, sondern auch Zeit und Musse.
Wie wichtig ist interdisziplinäre Forschung für Sie?
Persönlich betrachte ich interdisziplinäre Forschung als äusserst wichtig. Neue Forschungsansätze und Erkenntnisse entstehen zunehmend an den Schnittstellen zwischen den Disziplinen. Zudem eröffnet der fächerübergreifende Austausch neue Horizonte und ermöglicht es, Probleme auf eine unterschiedliche Art und Weise anzugehen. Mit meinen Assistentinnen und Assistenten, die aus ganz unterschiedlichen Fachbereichen kommen, pflege ich deshalb stets auch einen interdisziplinären Diskurs.
Welche Rolle spielt die ökonomische Forschung der UZH in der Gesellschaft?
Ökonomische Forschung hat in der Regel einen relativ hohen Bezug zur Wirtschaft und zur Gesellschaft. An der WWF behalten wir deshalb die neusten gesellschaftlichen Entwicklungen stets im Auge, um die Aktualität unserer Forschung zu gewährleisten. Als Beispiele unter vielen möchte ich auf die Arbeiten von Prof. Andreas Scherer zum Thema Corporate Social Responsibility und die Studien von Prof. Ernst Fehr im Bereich Neuroökonomie hinweisen. Unsere Rolle für die Gesellschaft widerspiegelt sich auch in der Anzahl von externen Aufträgen, die wir erhalten. Ich selbst bin zum Beispiel in der Politikberatung in verschiedenen Ländern tätig. Dadurch werde ich immer wieder mit aktuellen gesellschaftspolitischen Fragen konfrontiert, die dann als Forschungsfragen an meinem Lehrstuhl bearbeitet werden.
Vielen Dank für das Gespräch. ■
Prof. Dr. Björn Bartling ist Assistenzprofessor für Personal- und Organisationsökonomik am Institut für Volkswirtschaftslehre. Seine Arbeit kann beispielsweise hautnah in der Veranstaltung Personal- und Organisationsökonomik miterlebt werden.
Was erforschen Sie?
Den Schwerpunkt meiner Forschung machen empirische, zumeist experimentelle Untersuchungen aus. Inhaltlich interessieren mich dabei Abweichungen vom klassischen Bild des Homo Oeconomicus, also Fragestellungen zu Themen wie Neid, Status, Reziprozität oder Verantwortungszuweisung. So haben wir beispielsweise experimentell untersucht, wer für die Folgen von delegierten Entscheidungen verantwortlich gemacht wird. Es zeigt sich ganz klar, dass man mit dem Delegieren eines Entscheidungsrechts auch die Verantwortung für die Konsequenzen abschieben kann. Dies könnte ein Grund sein, weshalb Unternehmen oft Beratungsfirmen engagieren, wenn es darum geht Sparmassnahmen umzusetzen.
Was sind Schlüsselfaktoren für exzellente Forschung?
Drei Dinge sind besonders wichtig: Erstens braucht man ein gutes Gespür für relevante Fragestellungen. Entscheidend ist zweitens der Einfallsreichtum, wie diese Fragen beantwortet werden könnten, und drittens braucht man natürlich auch ein solides methodisches Wissen, um das Forschungsprojekt nach allen Regeln der Kunst umsetzen zu können.
Wie wichtig ist interdisziplinäre Forschung für Sie?
Interdisziplinäre Kooperation bringt verschiedene Perspektiven zusammen, so dass Fragestellungen kreativer angegangen werden können, als wenn man nur unter seinesgleichen forscht. Daher begrüsse ich die recht interdisziplinäre Ausrichtung des Instituts für Volkswirtschaftslehre sehr.
In der Praxis ist die Umsetzung allerdings nicht ganz einfach, da in den verschiedenen Fachgebieten oft eine ganz andere Sprache gesprochen wird. Das bedeutet, dass man im Vorfeld viel Zeit und Arbeit investieren muss, bis sich alle Beteiligten der verschiedenen Disziplinen verstehen. Erst danach kann dann die eigentliche Forschungsarbeit beginnen. Ich selbst konzentriere mich daher momentan auf die Publikation in ökonomischen Journals.
Welche Rolle spielt die ökonomische Forschung der UZH in der Gesellschaft?
Vielleicht müsste man da eher die Gesellschaft fragen? Grundsätzlich stelle ich aber ein grosses Interesse an unserer Arbeit fest. Das spiegeln etwa die vielen Medienanfragen wider, die Professoren unserer Fakultät regelmässig erreichen.
Das Ziel guter ökonomischer Forschung sollte letztlich sein, Wissen zu generieren, wie Verbesserungen in wirtschaftlichen Prozessen zum Wohle der Allgemeinheit erzielt werden können. Ein Beispiel hierfür ist die Frage, in welchen Bereichen man die Kräfte des Markts spielen lassen sollte und wo besser der Staat eingreift. Bei der täglichen Arbeit an Detailfragen erscheint die gesellschaftliche Relevanz der eigenen Forschung allerdings manchmal in weiter Ferne – trotzdem sollte man dieses Ziel nicht aus den Augen verlieren.
Vielen Dank für das Gespräch. ■
Prof. Dr. Markus Leippold forscht und lehrt am Institut für Banking und Finance. Er ist Programmdirektor des Masterstudiengangs in Banking und Finance.
Was erforschen Sie und weshalb?
Mein Forschungsgebiet ist sehr breit und umfasst das Spektrum von Grundlagenforschung bis hin zu angewandter Forschung im Bereich der Finance. Ein aktuelles Beispiel aus der angewandten Forschung ist die Suche nach einer geeigneten Alternative zu Ratingagenturen, um die Abhängigkeit der Finanzmärkte von denselben zu verringern.
Grundanforderungen an eine solche Alternative sind eine gute Nachvollziehbarkeit und ausschliessliche Abhängigkeit von öffentlich verfügbaren Daten. Tatsächlich konnten wir zeigen, dass wir mit einem relativ simplen Modell die Ratingagenturen über die letzten zehn Jahr signifikant outperformen konnten.
Dieses Thema ist natürlich von hoher Aktualität und Brisanz, da Ratingagenturen gerade aufgrund der Schuldenkrise stark in Verruf geraten sind. Hier sehe ich als Akademiker meinen Beitrag darin, mögliche andere Lösungswege aufzuzeigen. Ein weiterer wichtiger Aspekt, mit welchem ich mich beschäftige, ist die korrekte Anwendung statistischer Methoden. Oft wird in der angewandten Forschung unsorgfältig gearbeitet. Vermeintliche Anomalien auf Finanzmärkten können verschwinden, wenn die Daten mit den adäquaten statistischen Methoden untersucht werden. Eine dieser Arbeiten wurde letztes Jahr mit dem The Sir Clive Granger Memorial Best Paper Prize gewürdigt (Zusammenarbeit mit Harald Lohre).
Was sind Schlüsselfaktoren für exzellente Forschung?
Am Anfang steht die Neugier. Dabei lasse ich mich von Problemen der Praxis, mit der ich im steten Austausch stehe, inspirieren. Der Reiz liegt dann darin die aktuellen Probleme in möglichst einfache Fragen zu übersetzen, an denen man zwei, drei Jahre arbeiten kann. Wenn man schliesslich zu einer intuitiv nachvollziehbaren und erleuchtenden Antwort gelangt, macht das für mich exzellente Forschung aus.
Wie wichtig ist interdisziplinäre Forschung für Sie?
Interdisziplinarität ist für mich in dem Sinne wichtig um wahrzunehmen, was um einen herum geschieht, um «Betriebsblindheit» zu vermeiden. Für meine Forschungsarbeit ist es jedoch wichtiger, die Brücke zwischen Theorie und Praxis zu schlagen, um praktische Fragen mit wissenschaftlich fundierten Methoden zu beantworten. Daraus kann sich Interdisziplinarität ergeben, oder auch nicht.
Welche Rolle spielt die ökonomische Forschung der UZH in der Gesellschaft?
Ich kann hier nur aus der Sicht eines Finance Professors sprechen. Natürlich ist es wünschenswert, wenn Forschungsarbeiten von einem breiten Publikum wahrgenommen und diskutiert werden. Ob diese schliesslich die Gesellschaft beeinflussen, hängt von vielen anderen Faktoren ab. Grundsätzlich verstehe ich meine Tätigkeit an der Universität primär als Forscher und Vermittler von Wissen, nicht aber als gesellschaftlicher Missionar.
Vielen Dank für das Gespräch. ■

14. März 2013 um 12:24 Uhr
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